Jörn Tschirne

Business-Coach & Trainer

Patchworking: Mehr als ein bunter Lebenslauf

Brüche im Lebenslauf sind keine Seltenheit mehr. Häufig wechseln Arbeitnehmer neben der Arbeitsstelle auch Branche und Tätigkeitsfeld. Im Patchwork-Lebenslauf werden nicht nur einzelne Arbeitsstationen, sondern auch Aktivitäten wie Bildungsurlaub und Erziehungszeiten dokumentiert.
Den Namen verdankt dieser Werdegang dem bunten Flickenteppich, der aus unterschiedlichen Teilen zusammengenäht ist. Doch hinter Patchworking verbirgt sich mehr als das bloße Aneinanderreihen biographischer Ereignisse.

Arbeitsuchende, die aufgrund häufiger Stellenwechsel einen Patchwork-Lebenslauf vorlegen, tun sich schwer. Bewerben sie sich in konservativen Unternehmen, wird ihre Wechselwilligkeit auf Herz und Nieren geprüft: Aus welchem Grund wurde der Arbeitsplatz so häufig gewechselt? Schnell machen sich Vorurteile breit. Personalverantwortliche vermuten, dass es sich bei diesen Bewerbern – den sogenannten Patchworkern - um schwierige Persönlichkeiten handelt, denen es an Integrationsfähigkeit und Durchhaltevermögen mangelt. Doch in seltenen Fällen ist diese Vermutung richtig.

Wie wird man Patchworker?

Der Arbeitsmarkt erfordert vom Bewerber Flexibilität und Anpassungsfähigkeit, da unbefristete Arbeitsverhältnisse seltener werden. Tut sich im Unternehmen keine längerfristige Perspektive auf, bleibt dem Jobsuchenden nichts anderes übrig, als sich von einem Projekt zum nächsten befristeten Job zu hangeln. So gerät der Bewerber in die Rolle des Patchworkers, ob gewollt oder nicht!

Vorbehalte aus Unternehmenssicht

Es besteht die Gefahr, dass der Jobsuchende das Misstrauen des Personalers erweckt, wenn er zum Beispiel innerhalb von sechs Jahren dreimal den Job gewechselt hat. Kann man sich wirklich auf diesen Mitarbeiter verlassen? Oder ist er gleich wieder weg, sobald er etwas anderes gefunden hat? So lauten die Vorbehalte, denen Bewerber im Vorstellungsgespräch ausgesetzt sind. Deshalb sind Patchworker nicht in jedem Betrieb willkommen. In konservativen und traditionellen Unternehmen werden sie oftmals nicht eingestellt, weil ihre Tendenz zum häufigen Jobwechsel negativ bewertet wird. Ganz anders in kreativen Branchen: Dort genießt der Patchworker den Ruf, kompromiss- und lernfähig zu sein.

Zusätzliche Fähigkeiten und Kenntnisse

Wer sein Studium innerhalb kurzer Zeit durchzieht und auf Praktika, Engagement und Auslandsaufenthalt verzichtet, hat nicht unbedingt die besseren Karten in Bezug auf den Job. Ein Absolvent, der im Vorstellungsgespräch zeigen kann, dass er neben seinem Studium  Fähigkeiten auf anderen Gebieten entwickelt hat, wirkt umso attraktiver.
Doch Vorsicht! Damit ist nicht gemeint, dass beim Studium getrödelt oder die Studienrichtung häufig gewechselt werden soll. Die Kunst liegt darin, für Lücken und Brüche Argumente zu finden, die verwertbare Resultate und Erfolge verdeutlichen.  

Rechtfertigung oder passende Argumentation?

Was genau haben Sie in der Zeit gemacht, als Sie nicht berufstätig waren? Diese Frage wird Patchworkern häufig gestellt. Die passenden Argumente sorgen für Aufklärung: Beschreiben Sie dem Arbeitgeber, welche Ihrer Fähigkeiten und Kompetenzen Sie in der angestrebten Tätigkeit umsetzen möchten. Welchen Nutzen schaffen Sie dadurch für das Unternehmen? "Familiy skills" wie Organisationsfähigkeiten und soziale Kompetenzen, die während der Erziehungszeit vertieft wurden, können zum Beispiel im Kundenkontakt oder Veranstaltungsmanagement zum Einsatz kommen. Ein Auslandsaufenthalt repräsentiert Lernbereitschaft und Offenheit für Neues. Für Generalisten gilt allgemein: Durch abwechslungsreiche Tätigkeiten entwickeln Sie verschiedene Kompetenzen und lernen neues Wissen hinzu.

Patchworker von morgen

Wer keine Scheu hat, Umwege zu gehen und im Hinblick auf eine längerfristige berufliche Perspektive auch Tätigkeiten auszuüben, die unter dem eigenen "Wert" liegen, entspricht dem Bild des Patchworkers von morgen. Sind sie bereit, sich auf neue Tätigkeitsfelder einzustellen und neue Herausforderungen anzunehmen? Wenn ja, liegen Sie voll im Trend! Längst kann der BWL-Student von heute nicht mehr sicher damit rechnen, später als Diplom-Kaufmann zu arbeiten. Dasselbe gilt für Juristen und Physiker. Absolventen dieser Studienrichtungen können sich bei der Arbeitsplatzsuche nicht allein auf ihre fachlichen Kenntnisse aus dem Studium konzentrieren. Zusatzqualifikationen sind gefragt.

Freiberufliche Patchworker

Existenzgründer, die von Anfang an nicht genügend Aufträge haben, führen nebenbei oft Tätigkeiten aus, die dem eigenen Anspruch an die Arbeit nicht genügen. Es zählt allein, Miete und Lebensunterhalt bezahlen zu können. Patchworking heißt in diesem Fall, durchzuhalten und nicht an sich zu zweifeln. Dabei das eigene Ziel im Auge zu behalten. Während am beruflichen Fortkommen im gewünschten Arbeitsbereich getüftelt wird, sorgt der Job für die notwendige Rückendeckung.

Ordnung im Lebenslauf

Was tun, wenn im Lebenslauf Lücken sind, die länger als drei Monate dauern? Klären Sie den Bewerbungsempfänger auf: Wenn es sich um Phasen der Arbeitslosigkeit handelt, stellen Sie heraus, womit Sie sich in dieser Zeit beschäftigt haben: Welche Sprache haben Sie vertieft oder neu gelernt? In welche Länder sind Sie gereist? Welches Ehrenamt haben Sie in dieser Zeit ausgeführt? Hilfreich ist es, den Lebenslauf nach Themen zu ordnen, anstatt ihn chronologisch zu gliedern. Wählen Sie geeignete Überschriften wie „Bildungshintergrund“ und fassen Sie Studium, Weiterbildung und Schulausbildung zusammen. Rubriken wie „Projekte“, „Aktivitäten“ oder „Engagement“ lenken die Aufmerksamkeit auf Unternehmungen, die dem Bewerber Profil geben.

Scheitern, aufstehen, weitermachen...

Patchworking erfordert vom Bewerber viel Durchhaltekraft und Risikobereitschaft. Phasen der Erfolglosigkeit gehören selbstverständlich mit dazu. Es ist wichtig zu akzeptieren, dass Scheitern nichts mit Versagen zu tun hat, sondern ein Element im (Erfolgs-)Konzept darstellt. 
Diese Einstellung zur Arbeitswelt von morgen ist vielleicht ungewohnt. Sie hilft jedoch dabei, den Anforderungen des Marktes gerecht zu werden. Sie werden in der Lage sein, Ihren Lebensentwurf mitsamt Wohnort und Tätigkeitsfeld zu verändern, ohne das Gefühl zu haben, fremdbestimmt zu sein.

Stärken zählen

Bei aller Veränderungsbereitschaft ist es wichtig, sich auf seine Stärken und Fähigkeiten zu konzentrieren. Das gilt auch für die Wahl des Studienfachs. Verlassen Sie sich nicht auf kurzfristige Stabilitäten, sondern wählen Sie ein Fach, das Sie wirklich interessiert und in dem Sie Ihre Stärken ausbauen können.

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